{"id":300,"date":"2024-07-16T10:54:34","date_gmt":"2024-07-16T08:54:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/?p=300"},"modified":"2024-07-16T10:54:34","modified_gmt":"2024-07-16T08:54:34","slug":"heimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/?p=300","title":{"rendered":"heimat"},"content":{"rendered":"\n<p>das<br>fenster<br>zur<br>inneren<br>landschaft<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">&#8222;Man muss Heimat haben,<br>um sie nicht n\u00f6tig zu haben&#8220;<br>(Jean Am\u00e9ry)<\/p>\n\n\n\n<p>1<br>wo es keine namen gibt<br>nur farben<br>nur ger\u00fcche<br>nur leise stimmen<br>und wieder<br>: ger\u00fcche<br>und wieder<br>: duftende bilder<br>heimat<br>keine namen<br>nur duftfahnen<br>der landschaften<br>hinter den fenstern<br>hinter verstaubten<br>blindgewordenen scheiben<br>an diesen duftfahnen<br>die in fensterleibungen<br>haften bleiben<br>wenn sie sich davonstehlen wollen<br>erkennt man sie<br>: die landschaft in uns<br>man erkennt sie<br>ohne sie sehen zu m\u00fcssen<br>ohne sie umarmen zu k\u00f6nnen<br>im nebel<br>in der mondlosen nacht<br>hinter halboffenen blinden fenstern<br>h\u00f6rt man ihre leisen stimmen<br>die die angst nehmen<br>atmet man ihre ger\u00fcche<br>erahnt man vertraute duftbilder<br>wiesen\/felder\/b\u00e4ume\/b\u00e4che<br>anhaftende d\u00fcfte<br>altbekannte ger\u00fcche<br>aus der kindheit<br>hinter unz\u00e4hligen fensterkreuzen<br>fern<br>: ger\u00fcche die sehns\u00fcchte wecken<br>: nach heimat<br>: nach vertrautem<br>: ursprung\/anfang<br>erste bilder<br>duftbilder<br>leicht<br>fern<br>ber\u00fchrend<br>erster erdiger duft<br>sp\u00e4ter: voll<br>fruchtig<br>schwarz<br>birnenlaubschwarz<br>mostbirnenlaubschwarz im november<br>sp\u00e4ter: die lust<br>die lust am riechen<br>am erinnern<br>am eintauchen<\/p>\n\n\n\n<p>2<br>lust<br>lust am riechen der heimat<br>der ersten anhaftenden d\u00fcfte<br>in den fensterkreuzen<br>der ersten erinnerungen<br>der ersten fensterbilder<br>: lustvolle wahrnehmungen<br>das fenster nach innen<br>erhellt vergessene bilder<br>f\u00fcllt sie mit farbe<br>belebt sie<br>macht sie schwer<br>und wieder ein fenster nach innen<br>und wieder<br>und wieder<br>hinter vielen fenstern<br>die alten bilder und ger\u00fcche<br>eingenistete bildger\u00fcche<br>duftbilder<br>: heimat<br>: fensterkreuzheimat<br>fenster<br>heimat<br>fenster zur landschaft<br>in uns<br>fenster zur heimat<br>in uns<br>fensterfl\u00fcgel<br>unz\u00e4hlige<br>aufsto\u00dfen<br>landschaften<br>vertraute<br>entdecken<br>ein fl\u00fcgel<br>und noch viele<br>und noch viele bilder<br>und viele d\u00fcfte<br>sie enden nie<br>manchmal sind es fenster<br>die man nie geschlossen hat<br>fenster<br>die mit uns<br>wieder in diese welt<br>gelangt sind<br>von fr\u00fcher<br>ererbte bildfenster<br>ererbte duftbilder<br>man erkennt sie trotztdem<br>ohne sie gekannt zu haben<br>ohne sie geh\u00f6rt zu haben<br>bilder ohne namen<br>sie sind da<br>von fr\u00fcher<br>: urspr\u00fcnglich<br>: heimat<br>in ort und landschaft<br>hineingeboren<br>\u00f6ffnen sich augen<br>sehen die farben<br>dieses besonderen lichtes<br>sonst nichts<br>nur dieses licht<br>nur diese besondere farbe<br>sp\u00e4ter<br>: schatten<br>verschwommene umrisse<br>die sich aufl\u00f6sen in gegenst\u00e4nde<br>in farben<br>in gegenst\u00e4ndliche farben<br>aufl\u00f6sen in besondere farben<br>in die farben der heimat<br>darin auch schon die farbe des herbstes<br>das schwarz des mostbirnenlaubes<br>in novemberg\u00e4rten<br>nicht die vielen buntleuchtenden<br>gelbrotbraunen bl\u00e4tter<br>in deren farborgien der mischwald<br>noch einmal \u00fcppig aufleuchtet<br>ein grandioses fest feiert<br>bilden die herbstfarbe<br>das trauerfahnenschwarz des mostbirnlaubs<br>ist die farbe des herbstes<br>die farbe des sterbens<br>ist die allerseelenfarbe<br>die schon im ersten besonderen licht<br>diese diffusen schatten<br>der inneren landschaft<br>zeichnete<br>in den taunassen herbstg\u00e4rten<br>im dumpfen gr\u00fcn<br>des von den herbstreifn\u00e4chten<br>gebrochenen grases<br>liegen die mostbirnbaumbl\u00e4tter<br>mit einem schweren gerbs\u00e4uregeruch<br>schwarz<br>endg\u00fcltig<br>besiegelnd<br>die schwarze siegelfarbe der heimat<br>mostbirnb\u00e4ume sind heimat<br>heimat hinter fenstern<br>nichts bl\u00fcht \u00fcppiger im fr\u00fchling<br>als der alte mostbirnbaum<br>nichts schmeckt herber<br>als seine halbreifen fr\u00fcchte<br>nichts stirbt mit einer herbstlicheren farbe<br>als das birnenlaub zu allerseelen<br>sch\u00f6nheit der landschaft<br>farbreflexion des lichtes<br>das sich in das lidfenster ergie\u00dft<br>beim ersten \u00f6ffnen der augen<br>und diese sch\u00f6nheit<br>w\u00e4chst hinter dem augenfenster<br>wenn die dinge umrisse annehmen<br>wenn sich der nebel der geburt<br>\u00fcber die ersten geruchslandschaften<br>\u00fcber t\u00e4ler und h\u00fcgel zur\u00fcckzieht<br>: heimat<br>heimatlos<br>: ein farbfenster<br>verschlossen mit dem siegelschwarz<br>die scheiben blind<br>schwarz<br>ohne licht<br>wie ein fensterloser raum<br>ohne orientierungsm\u00f6glichkeit<br>ohne gef\u00fchl f\u00fcr raum<br>f\u00fcr raumzeit<br>in diesem schwarz<br>: farblos<br>: ohne das besondere licht<br>des ersten augenaufmachens<br>:heimatlos<\/p>\n\n\n\n<p>3<br>enge lange duftb\u00e4nder<br>wie dichtgedr\u00e4ngte ackerstreifen<br>durchziehen die ersten erinnerungen<br>: markierung der inneren landschaft<br>durch erbfolgen<br>vielmals geteilten landschaft<br>unkrautbeachsene ackergrenzen<br>wege\/terrassen\/b\u00f6schungen<br>herb riechende<br>sanft an h\u00fcgel und senken geschmiegte<br>unkrautmarkierungen<br>mit wegwarte\/leinkraut\/malve<br>trennen die ackerstreifen<br>mit ihrer hundertschaft an ger\u00fcchen<br>eine geruchslandschaft<br>die f\u00fcr immer empfindungen formt<br>modelliert<br>erdiger duft<br>der kartoffel\u00e4cker nach der ernte<br>der herbstr\u00fcben\u00e4cker<br>der sterbenden k\u00fcrbiskraut\u00e4cker<br>klee\/frischer jungklee\/kleeheu<br>buchweizenfelder im sp\u00e4tsommer bl\u00fchend<br>stoppelfelder\/roggen\/weizen\/hafer<br>haferfelder mit jungklee<br>klatschmohn\/kornblume\/kamille<br>stiefm\u00fctterchen\/ackerwinde<br>formen eine geruchslandschaft<br>sch\u00f6nen diese<br>machen sie liebensw\u00fcrdig<br>vereinnehmbar<br>erinnerbar<br>: duftstreifen als identit\u00e4t<br>: heimat<br>der geruch der menschen<br>der geruch ihrer h\u00e4user<br>der geruch der menschen in ihren h\u00e4usern<br>ger\u00fcche die bleiben<br>die sich f\u00fcr jahre<br>in den flimmerh\u00e4rchen verkriechen<br>um dann pl\u00f6tzlich<br>in erinnerungszw\u00e4ngen<br>ungerufen sich anzubiedern<br>unausl\u00f6schbare erinnerungszw\u00e4nge<br>schwei\u00df<br>urin<br>s\u00fc\u00dfer moder<br>in zimmern<br>jedes haus<br>eine bleibende<br>unverkennbare geruchslandschaft<br>gerbs\u00e4ureger\u00fcche<br>essig<br>sauerkrautbottiche<br>kellergeruch<br>stall\/nasser hund\/misthaufen<br>gummistiefel\/zwetschkenmaische<br>schneeschmelze\/faulendes feuchtes herbstlaub<br>schnaps\/ischiassalbe\/brot ofenfrisch<br>geruchslandschaft<br>: erinnerungszw\u00e4nge der nase<br>: heimat<br>:heimatlos<br>schattenlose<br>geruchlose<br>unendlichlandschaften<br>ber\u00fchren nicht<br>schaffen keine erinnerungen<br>die in duftb\u00e4ndern<br>durch die vielen fensterkreuze<br>wehen<br>landschaften<br>ohne markierungen<\/p>\n\n\n\n<p>4<br>tiere<br>atmen<br>b\u00e4ume<br>\u00e4chzen<br>bl\u00e4tter<br>s\u00e4useln<br>wirtsh\u00e4user<br>l\u00e4rmen<br>regen<br>rauschen<br>kirche<br>schweigen<br>mutter<br>reden<br>heimat<br>: sprachgew\u00f6hnung<br>klang<br>ger\u00e4usche<br>klangger\u00e4usche<br>heimat<br>: stimmen<br>die zu einem sprechen<br>hinter fensterkreuzen<br>wo licht\/ger\u00fcche\/sprache<br>triumphieren<br>heimat<br>: das wachsen der sprache<br>das wachsen vertrauter kl\u00e4nge<br>verb\u00fcrgende sicherheit<br>atmende \u00e4chzende l\u00e4rmende<br>abgrenzungen im fensterkreuz<br>in ihrer reihenfolge<br>pr\u00e4gen sie unausweichlich<br>licht<br>ger\u00fcche<br>sprache<br>versinken<br>und tauchen wieder auf<br>immer und \u00fcberall<br>dieses zwanghafte herausatmen<br>von wahrheit<br>von untr\u00fcgerischen ger\u00fcchen<br>und klangfarben<br>alles sp\u00e4tere l\u00e4sst sich erdenken<br>ausweichend erdenken<br>erfinden<br>l\u00e4sst sich erl\u00fcgen<br>aber diese pr\u00e4gungen nicht<br>sie bleiben einem immer<br>und \u00fcberall erhalten<br>stimmen<br>die in der landschaft liegen<br>in weing\u00e4rten reifen<br>in g\u00e4rbottiche eintauchen<br>eingeschlossen in weinf\u00e4ssern wachsen<br>um dann bei gelegenheit<br>in wirtsh\u00e4usern l\u00e4rmen<br>schweigen\/s\u00e4useln\/schmatzen\/r\u00f6cheln<br>zu k\u00f6nnen<br>stimmen<br>die in zwetschkenbaumkronen<br>sich verkriechen<br>sich einsammeln einmaischen<br>und destillieren lassen<br>um dann hochprozentig<br>schwer zu atmen<br>vor dem morgenkaffee<br>nach dem morgenkaffee<br>vor dem einschlafen<br>ein schlafen mit<br>hochprozentigen erinnerungszw\u00e4ngen<br>ein versinken<br>ein tr\u00e4umen<br>ein eintauchen in das licht<br>in den s\u00fc\u00dfen modergeruch<br>hinter all den auftauchenden fenstern<br>gedanken lassen sich ausgrenzen<br>aber nicht dieses versinken<br>in licht\/ger\u00fcche\/ger\u00e4usche<br>traumlandschaften sind zwanghaft<br>hochprozentig<br>heimatlos:<br>schweigende<br>sprachlose<br>ausgrenzung<\/p>\n\n\n\n<p>5<br>geboren in \u2026\u2026<br>geboren am \u2026\u2026<br>wohnhaft zu \u2026\u2026<br>vater\/mutter\/religion<br>geschlecht\/gr\u00f6\u00dfe\/alter<br>aufgezeichnete identit\u00e4t<br>in amtsstuben<br>verwaltete heimat<br>\u00fcberschaubare ordnung<br>r\u00e4ume\/zeiten<br>\u00fcberschaubare enge<br>vordergr\u00fcndige sicherheit<br>vater\/mutter<br>lehrer\/pfarrer<br>krampus\/nikolo<br>\u00fcberschaubare moralit\u00e4t<br>kirche\/schule\/elternhaus<br>und der damit verbundene geruch<br>: pr\u00e4gung<br>der geruch<br>der angstgeruch<br>von zw\u00e4ngen<br>diesen erziehungszw\u00e4ngen<br>haftet auch in den<br>spinnwebf\u00e4den der fensterkreuze<br>des hauses kindheit<br>mit den vielen fenstern<br>armut\/angst\/enge<br>disziplinierungen<br>diese lauten<br>schmerzenden erziehungsma\u00dfnahmen<br>dieser kalte geruch angst<br>und die grauen schatten<br>der armut<br>sind auch heimat<br>wenn man sie von der ferne<br>wieder und \u00fcberall erleidet<br>sind nicht idyllisierung<br>sondern pr\u00e4gung<br>sind auch heimat<br>unausweichbarer<br>nicht zu leugnender<br>enger \u00fcberschaubarer ort<br>: das haus der kindheit<br>mit vielen vielen fenstern<br>mit einer unendlichen<br>inneren dimension<br>:heimat<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>\u201eheimat, das fenster zur inneren landschaft\u201c<br>ist der Text zu einer vertonten Text-Bild-<br>Produktion,<br>uraufgef\u00fchrt am 19.12.1992 im Rahmen der<br>Veranstaltungsreihe \u201elimmitationes\u201c in<br>Mogersdorf, Burgenland.<br>Mitwirkende: Rudolf Hochwarter (Text),<br>Reinhard Petz (Fotos),<br>Daniela Graf (Sprecherin), Wolfgang R. Kubizek<br>(Musik).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>dasfensterzurinnerenlandschaft &#8222;Man muss Heimat haben,um sie nicht n\u00f6tig zu haben&#8220;(Jean Am\u00e9ry) 1wo es keine namen gibtnur farbennur ger\u00fcchenur leise stimmenund wieder: ger\u00fccheund wieder: duftende bilderheimatkeine namennur duftfahnender landschaftenhinter den fensternhinter verstaubtenblindgewordenen scheibenan diesen duftfahnendie in fensterleibungenhaften bleibenwenn sie sich davonstehlen wollenerkennt man sie: die landschaft in unsman erkennt sieohne sie sehen zu m\u00fcssenohne sie umarmen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":99,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-300","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weiterlesen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=300"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":301,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions\/301"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/99"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}