{"id":285,"date":"2024-07-16T10:31:00","date_gmt":"2024-07-16T08:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/?p=285"},"modified":"2024-07-16T10:40:57","modified_gmt":"2024-07-16T08:40:57","slug":"zigeunerwald","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/?p=285","title":{"rendered":"zigeunerwald"},"content":{"rendered":"\n<p>eine ann\u00e4herung an eine ausgel\u00f6schte heimat<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>rudolf hochwarter<br>1 <br>rein, gesund und mit einer strengen ordnung versehen zeigt<br>sich das grundst\u00fcck auffallend vor dem ort. als frische,<br>hellgr\u00fcne verl\u00e4ngerung des ortes. dahinter, direkt<br>angrenzend, befindet sich ein dunkler erlenwald. feucht.<br>modernd. inmitten von diesem grundst\u00fcck wurde in den<br>sechzigerjahren der brunnen f\u00fcr die ortswasserversorgung<br>gebaut. ein gepflegter, kurz gehaltener rasen erzeugt einen<br>kontrast zum dunkel des erlenwaldes. das grundst\u00fcck ist<br>eingez\u00e4unt, und ein schild weist auf dieses<br>wasserschutzgebiet hin. f\u00fcnfzig jahre, nachdem dort<br>menschen gelebt haben, zeigt sich dieses st\u00fcck eingeebnete<br>land rein, gesund, hell\u2026.<br>sauber, in einer strengen ordnung\u2026.<br>eingez\u00e4unt\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>2<br>wir spielten als kinder dort, zwanzig jahre nachdem auf<br>diesem grundst\u00fcck menschen gelebt hatten. es war damals<br>noch ein feuchter, dunkler wald, der niemandem zu geh\u00f6ren<br>schien. und so geh\u00f6rte er uns kindern. alle nannten ihn den<br>zigeunerwald, ohne da\u00df wir uns viel fragten, weshalb. es war<br>ein flurname wie jeder andere auch.<br>wir kannten keine zigeuner.<\/p>\n\n\n\n<p>3<br>erwachsene habe ich dort nie gesehen. ein niemandsland vor<br>dem ort. ein ungepflegtes, urwald\u00e4hnliches spielparadies f\u00fcr<br>uns. ein schlechter, nasser grund, so die erwachsenen. an<br>erlen, bruchweiden, haselnu\u00df- und holunderstr\u00e4ucher<br>erinnere ich mich noch, auch an bruchholz, das am boden<br>vermoderte und von farnen \u00fcberwuchert wurde. und an die<br>vielen fr\u00fchlingsblumen, die dort wuchsen. gelbsterne,<br>blausterne, buschwindr\u00f6schen, m\u00e4rzenbecher. und an die<br>quelle, die damals nur f\u00fcr eine viehtr\u00e4nke genutzt wurde. und<br>an die kleinen eingeebneten stellen im wald, wo die h\u00fctten<br>gestanden haben sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>4<br>die erwachsenen redeten nicht gerne davon.<br>mehr als ein paar knappe s\u00e4tze konnte den erwachsenen nicht<br>entlockt werden. es gab keine erkl\u00e4rungen, schilderungen,<br>berichte \u00fcber die eigene rolle. es blieb alles zugedeckt, f\u00fcr<br>uns kinder weit zur\u00fcckliegend, r\u00e4tselhaft, wir waren<br>unber\u00fchrt davon, als h\u00e4tte das alles nicht stattgefunden. es<br>war geschichte. f\u00fcr uns kinder weit zur\u00fcckliegend. ohne<br>zeugnisse. \u00fcber die sache wurde geschwiegen und dieses<br>schweigen ist uns kindern in die wiege gelegt worden. wir<br>fragten nicht nach den zigeunern, wir fragten den vater nicht<br>nach seinen kriegserlebnissen. es war ein gro\u00dfes<br>einvernehmen zwischen kindern und erwachsenen.<\/p>\n\n\n\n<p>5<br>ein name ist mir noch in erinnerung. der ist \u00f6fters gefallen.<br>auf den redete man sich aus. der w\u00e4re der verantwortliche<br>gewesen. vor dem h\u00e4tten alle angst gehabt. ein vernaderer.<br>ein \u00fcberzeugter, sei der gewesen. kopeszki.<\/p>\n\n\n\n<p>6<br>auf dem friedhof gab es auch zigeunergr\u00e4ber. einige<br>kindergr\u00e4ber, zwei erwachsenengr\u00e4ber. als kind bin ich immer<br>bei einem stehen geblieben. beim grab der zigeuner-rosl. auf<br>dem grabstein befand sich ein bild der frau. es faszinierte<br>mich. dieses bild war mein zigeunerbild meiner kindheit. der<br>grabstein und das bild waren f\u00fcr mich die einzigen konkreten<br>hinweise. es mu\u00dfte sie tats\u00e4chlich gegeben haben.<br>ich war immer fasziniert von diesem foto auf dem grabstein.<br>eigentlich erinnerte mich das bild dieser dunklen frau mit<br>dem wei\u00df in den augen an eine indianerin, wie ich sie mir<br>durch die karl may b\u00fccher vorstellte. es mu\u00df eine h\u00fcbsche<br>frau gewesen sein. man redete auch gut \u00fcber die zigeunerrosl.<\/p>\n\n\n\n<p>7<br>das bild dieser frau ist mir geblieben. sonst habe ich keine<br>wirklichen bilder vom friedhof aus meiner kindheit. wie die<br>gr\u00e4ber ausgesehen haben, wei\u00df ich nicht. nur das bild dieser<br>zigeunerin ist klar vor mir.<br>die gr\u00e4ber sind nun eingeebnet. gr\u00fcne flecken im kleinen<br>friedhof. ausgel\u00f6schte gr\u00e4ber. wo sind die grabsteine? wo ist<br>dieser grabstein mit diesem bild?<br>wo ist das wei\u00df dieser augen?<br>in diesem wei\u00df ist die ganze geschichte dieser zigeunerin<br>begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>8 <br>im zigeunerwald mu\u00dfte es ihre stimme gegeben haben.<br>manchmal, wenn ich allein dort war, lauschte ich angestrengt<br>und glaubte sie zu h\u00f6ren. und dann die stimmen der kinder,<br>laut anwachsend. da kam in mir manchmal angst auf. ich<br>blickte dann zu den dunklen erlenkronen auf und redete mir<br>ein, es werde wohl das sausen des windes sein.<\/p>\n\n\n\n<p>9 <br>ja, kinder m\u00fc\u00dfte es im zigeunerwald auch gegeben haben,<br>stellte ich mir vor. zigeunerkinder. \u00fcber sie redeten die<br>erwachsenen nie. sie waren ein tabu. da d\u00fcrfte sich eine<br>unangenehme schuld in den erinnerungen der erwachsenen<br>verwurzelt haben. eine, die nicht einfach abzusch\u00fctteln war.<br>eine sich immer tiefer verwurzelnde schuld.<\/p>\n\n\n\n<p>10<br>der zigeunerwald gerodet, planiert, begr\u00fcnt.<br>die gr\u00e4ber aufgelassen, planiert, begr\u00fcnt.<br>keine bilder, keine zeugnisse.<br>nichts aufgeschriebenes.<br>ausl\u00f6schung einer heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>11<br>in einer k\u00fcrzlich erschienen ortschronik kann man folgendes<br>nachlesen:<br>\u2026in [\u2026] gab es bis zum 2. Weltkrieg auch einige Roma-<br>H\u00e4user. Die Roma f\u00fchrten angeblich alle den Namen Horvath.<br>Zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes waren sechs<br>Romafamilien ans\u00e4ssig. In den Jahren 1938 bis 1941 wurden<br>diese Familien verschleppt.<\/p>\n\n\n\n<p>12<br>die verharmlosung oder nichtnennung einer historischen<br>begebenheit mag gr\u00fcnde haben. einerseits k\u00f6nnte der mut<br>fehlen, die schuld noch lebender, unmittelbar beteiligter<br>niederzuschreiben, ihnen die wahrheit ins gesicht zu<br>schreiben, andererseits scheut man sich m\u00f6glicherweise<br>davor, sich mit dem roma-holocaust auseinanderzusetzen.<br>ber\u00fchrungsangst. das alles hat nicht irgendwo stattgefunden.<br>hier! mitten unter uns!<br>das wort verschleppt verharmlost, verschleiert. das wort<br>verschleppt verf\u00e4lscht die chronik. macht sie druckbar. macht<br>sie rein. macht sie unter die leutinbringbar.<br>verschleppen ist eine gewaltsame ortsver\u00e4nderung. keine<br>vernichtung von m\u00e4nnern, frauen, kindern. daher:<\/p>\n\n\n\n<p>13<br>fortsetzung einer chronik:<br>an der verschleppung waren ortsans\u00e4ssige m\u00e4nner, die zu<br>diesem zweck rekrutiert worden sind, beteiligt. die<br>verschleppung wurde von einem ss-mitglied, einem gewissen<br>kopeszki, geleitet. die romafamilien mu\u00dften ohne gep\u00e4ck in<br>den fr\u00fchen morgenstunden ihre h\u00e4user verlassen und nach<br>f\u00fcrstenfeld marschieren. dort wurden sie entkleidet, m\u00e4nner<br>von frauen und kindern getrennt und in viehwaggons in ein<br>lager transportiert. ihre h\u00fctten wurden niedergebrannt. nach<br>dem krieg kehrte kein roma zur\u00fcck. sp\u00e4ter wurde auf dem<br>areal der ehemaligen romasiedlung der brunnen der<br>ortswasserversorgung geschlagen. der sogenannte<br>zigeunerwald wurde gerodet und ist derzeit<br>wasserschutzgebiet. die letzten zeugnisse der romasiedlung,<br>einige gr\u00e4ber auf dem dorffriedhof, wurden von der gemeinde<br>entsprechend der friedhofsordnung als gr\u00e4ber ohne<br>angeh\u00f6rige eingestuft und aufgelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>14<br>eine andere variante der chronik, die nie geschrieben wird<br>k\u00f6nnen:<br>\u2026von 1938 bis 1941 wurden die romafamilien in<br>vernichtungslager deportiert. es gab vermutlich keine<br>\u00fcberlebenden. da angeh\u00f6rige des ortes an der deportation<br>mitgewirkt haben, versuchte die gemeinde, ein zeichen der<br>vers\u00f6hnung zu setzen. die gemeinde \u00fcbernahm die pflege der<br>noch vorhandenen zigeunergr\u00e4ber und errichtete im<br>ehemaligen zigeunerwald einen gedenkstein. ein mahnmal.<\/p>\n\n\n\n<p>15<br>nach f\u00fcnfzig jahren:<br>ein junger gemeindearbeiter m\u00e4ht den rasen im<br>wasserschutzgebiet. mit dem kleinen traktor zieht er immer<br>engere kreise zum brunnen. ich betrachte den hohen zaun um<br>das wasserschutzgebiet. der zaun ist ungewollt mahnmal. der<br>zaun erinnert an lager.<br>ich frage den jungen arbeiter, ob er wisse, was da fr\u00fcher auf<br>dem grundst\u00fcck gewesen sei.<br>er sagt nein.<br>ich sage, da\u00df auf dem grundst\u00fcck zigeuner wohnten,<br>er sagt, nein, er schreit, nein! zigeuner g\u00e4be es hier nicht. er<br>wisse nichts von zigeunern, die hier einmal gelebt haben<br>sollen. hier ist nur das wasserschutzgebiet.<br>da ich diesen jungen arbeiter nicht kenne, frage ich ihn, wie<br>er hei\u00dfe.<br>kopeszki, ist seine antwort.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>august 1995<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eine ann\u00e4herung an eine ausgel\u00f6schte heimat rudolf hochwarter1 rein, gesund und mit einer strengen ordnung versehen zeigtsich das grundst\u00fcck auffallend vor dem ort. als frische,hellgr\u00fcne verl\u00e4ngerung des ortes. dahinter, direktangrenzend, befindet sich ein dunkler erlenwald. feucht.modernd. inmitten von diesem grundst\u00fcck wurde in densechzigerjahren der brunnen f\u00fcr die ortswasserversorgunggebaut. ein gepflegter, kurz gehaltener rasen erzeugt einenkontrast [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":99,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-285","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weiterlesen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=285"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":289,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions\/289"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/99"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berglaufkunst.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}